© 2018 Anna Reiss

Meine Bücher

Anna Reiss

 
 

Meine Bücher

Meine Lesungen

Es macht mir große Freude, Kindern aus meinen Büchern vorzulesen. Dazu brauche ich nur einen Stuhl und ein Glas Wasser. Bis zu fünfzig Kinder können bei einer Lesung zuhören. 

 

Das Buch  „Familie Rose“ ist für Kinder der ersten Klasse geeignet.

Die Reihe „Südnord-Detektive“ richtet sich an Kinder des dritten bis fünften Schuljahres.

Beide Buchreihen sind von Kristin Loras illustriert.

Ich leite seit acht Jahren Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche. Daher gebe ich gerne Anregungen für kreatives Schreiben mit den Schülerinnen und Schülern im Anschluss an die Lesung. Zu jedem Detektivband habe ich ein illustriertes Schreib-Arbeitsblatt erstellt (hier klicken).

Außerdem liegt zu jedem meiner Bücher ein Fragensatz bei "Antolin" vor.

 

Ich lebe in Schleswig-Holstein, am östlichen Stadtrand von Hamburg. Auch für Schulen mit geringerem Budget sollen meine Lesungen erschwinglich sein. Wenn Sie mich in Ihre Schule einladen möchten, dann wenden Sie sich bitte über das Kontaktformular an mich.

 

Schreib mir

Ich freue mich immer über Post von Kindern, die meine Bücher lesen!

Sie können mich hier auch zu einer Lesung einladen.

Bitte einfach in das Kontaktformular schreiben (eigene E-Mail-Adresse nicht vergessen!).

 

Impressum

 

Kreatives Schreiben

Die Kinder und Jugendlichen in meiner Schreibwerkstatt können vom Schreiben gar nicht genug bekommen!

Jette, Lea und Lisa-Marie haben sogar ein ganzes Buch mit sechs spannenden Geschichten verfasst: "Schachmatt - Die Erbschaft - Das Papierboot und weitere Kurzgeschichten". Ihr könnt es als Taschenbuch zum Preis von 5,90 € inklusive Porto bestellen unter:

buchbestellung@huebner.bz.it

Beim Schreibwettbewerb der Stiftung Herzogtum Lauenburg 2019 haben gleich zwei junge Autorinnen aus der Schreibwerkstatt einen Preis gewonnen. In der Altersgruppe der Kinder war Zoe mit ihrer Geschichte "Helenas Reise nach Atenaria" erfolgreich. Bei den Jugendlichen konnte Jette mit "Die Sims 3D" die Jury überzeugen.

Ganz unten kannst du dir die Cover der Schreibwerkstattbücher anschauen, die bisher aus den fantasievollen Geschichten - nur für die Familien - entstanden sind.

 

Damit ihr auch hier auf meiner Homepage etwas aus der Schreibwerkstatt lesen könnt, denke ich mir zurzeit eine spannende Fortsetzungsgeschichte mit einigen der jungen Autorinnen und Autoren aus. Ihr könnt immer wieder einen neuen Abschnitt lesen, den wir abwechselnd schreiben. Viel Spaß!

Der Brief

 

„Sophia, Post für dich!“, hörte Sophia ihre Mutter aus der Küche rufen. Sophia saß in ihrem Zimmer und lackierte ihre Zehennägel. Vielleicht würde in diesen Sommerferien irgendwann mal die Sonne scheinen, sodass sie ihre neuen Sandalen tragen konnte.

„Eine Postkarte?“, rief Sophia zurück. Die konnte dann nur von Oma sein, aus der Kur, sonst schrieb ja kein Mensch mehr Karten.

„Nee, ein Brief!“, antwortete ihre Mutter. 

„Von wem?“

„Keine Ahnung, vielleicht eine Einladung.“

Jetzt war Sophia neugierig. Schnell schraubte sie das Nagellackfläschchen zu und lief in die Küche. Ihre Mutter war gerade dabei, Gemüse fürs Mittagessen klein zu schneiden. Auf dem Tisch lag ein weißer Umschlag. Vorne drauf stand nur Sophias Name, ohne Adresse oder Briefmarke. Er musste direkt in den Briefkasten am Haus eingeworfen worden sein. Neugierig drehte Sophia den Umschlag um. Kein Absender.

Sophia verschwand mit dem Brief in ihrem Zimmer. Sie ließ sich in ihren Sessel plumpsen und schlitzte den Umschlag auf. Darin steckte ein Blatt mit einigen Zeilen Computerschrift.

Sie begann zu lesen: „Hallo Sophia, du kennst mich nicht. Aber ich weiß etwas über dich, das du unbedingt erfahren solltest. Wenn du mehr wissen willst, dann komm heute um 15.30 Uhr ins Café am Markt. Alleine. Du findest mich am mittleren Fenstertisch. F.“

„Pff!“ Sophia stieß die Luft aus. Was sollte das? War das irgendein Wichtigtuer, der sich in den Ferien langweilte? Oder ein durchgeknallter Stalker? Oder steckten vielleicht die Typen aus dem Jugendclub dahinter? Vielleicht wollten sie Handyfotos von ihr machen, wenn sie treudoof im Café aufkreuzte? Sophia schüttelte den Kopf. Aber was, wenn an der Sache wirklich was dran war? Nur - was sollte das sein?

Kurz nach drei hängte Sophia ihre bunte Stofftasche über die Schulter und nahm den Schlüssel vom Haken. „Ich geh noch mal in die Stadt“, sagte sie zu ihrer Mutter, die telefonierte. Diese hielt den Hörer zu, lächelte Sophia an und wünschte ihr viel Spaß.

Etwas später überquerte Sophia den Marktplatz. Am mittleren Tisch im Café sah sie tatsächlich jemanden hinter der Glasscheibe sitzen. Ein Junge. Er war ungefähr in ihrem Alter, hatte kurze braune Haare und eine sportliche Figur. Sophia hatte ihn nie zuvor gesehen. Ob er es war, der auf sie wartete? Als er Sophia vor dem Café erkannte, lächelte er und hob leicht die Hand. Sophias Herz klopfte ein wenig schneller. Was wollte er von ihr? Ob es nicht doch bloß ein blöder Streich war? Entschlossen schob sie die Tür des Cafés auf. Der Junge hatte sich bereits erhoben und kam ihr entgegen.

„Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte er sie. „Ich bin Freddy.“

„Sophia“, sagte sie, „aber das weißt du ja schon.“

Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. Er musterte sie. Seine Augen waren hell, fast durchsichtig, sein Blick ein wenig stechend. Sophia lief ein kleiner Schauer über den Rücken.

„Was nimmst du?“, fragte der Junge. „Ich lade dich ein.“

„Eine Rhabarber-Schorle“, sagte Sophia, nachdem sie kurz in die Karte geschaut hatte. Der Junge nickte. „Eine Rhabarber-Schorle und einen Eiskaffee bitte“, bestellte er, als die Bedienung an ihren Tisch kam. Sophia schaute sich vorsichtig um. Zum Glück war niemand im Café, den sie kannte.

Als die Getränke vor ihnen standen, setzte Sophia sich aufrecht hin und sagte: „Und jetzt erzählst du mir mal, was du angeblich über mich weißt.“ (Anna Reiss)

Er sah sie erstaunt an.

„Du meinst, was ich sicher über dich weiß. Aber dazu kommen wir später. Erst mal möchte ich mich gerne vorstellen.“ Sophia grübelte. Wieso wollte er nicht zum Punkt kommen? Was hatte er bloß zu verheimlichen?

„Ja, dann eben, was du angeblich sicher über mich weißt“, antwortete Sophia. Der Junge ihr gegenüber schmunzelte.

„Also, ich bin Freddy. Ich bin genau wie du 13 Jahre alt. Aber im Gegensatz zu dir spiele ich nicht Klavier, sondern Gitarre. Ich liebe Fußball. Ich habe eine kleine Schwester und gehe in die 8. Klasse. Und außerdem habe ich dir den Brief geschrieben.“

Sophia setzte ihr Pokerface auf und dachte über Freddy nach. Woher wusste er das alles über sie? Ob er doch ein Stalker war? Oder war er so etwas wie ihr heimlicher Verehrer? Nein, bestimmt war er ein ganz gewöhnlicher Junge, der ganz zufällig diese Dinge über sie wusste. Okay, das glaubte nun wirklich niemand.

„Und wieso? Ich meine, wieso hast du mir diesen Brief geschrieben? Was weißt du über mich, was ich nicht weiß?“ Sophia sah ihn mit einem durchdringenden Blick an. Diesen Blick hatte sie jahrelang geübt, und er funktionierte bei jedem. Okay, bei jedem außer Freddy. Er sah genauso intensiv zurück.

Wieso konnte er nicht einfach antworten? Sophia räusperte sich. Es schien so, als wollte Freddy ihr nicht sagen, was er über sie wusste. Außerdem konnte er gar nichts Geheimes über sie wissen! Sie war wie ein offenes Buch. Immer locker drauf, hatte viele Freunde, verstand sich manchmal gut mit ihren Eltern, manchmal weniger, so wie jeder Teenie eben. Sie spielte Klavier, auch in der Öffentlichkeit und auf Festen, sie ging joggen und spielte gerne mit ihrem Hund Sherlock. Sie liebte Sherlock Holmes, deswegen auch der Hundename, und sie liebte das Theaterspielen. Das wusste jeder über sie. Wenn es etwas Geheimes in ihrem Leben gab, dann wusste sie selbst auch nichts davon.

„Weißt du, du bist das typische beliebte Mädchen. Du hast gute Noten und jeder mag dich. Du verheimlichst nichts und nichts ist dir peinlich. Aber das ist nur eine Fassade. Ich weiß etwas über dich, was so gar nicht in dieses perfekte Bild von dir passt. Etwas, das sogar du nach all den Jahren vergessen hast. Etwas, das sehr schwer zu finden war. Ich meine etwas, das dein tiefstes, dein dunkelstes Geheimnis ist. Etwas, was alles in deinem Leben auf den Kopf stellen könnte. Ich weiß genau, wer du wirklich bist“, sagte er. (Lea, 12 Jahre)

Langsam wich die Selbstsicherheit in Sophia und sie wurde von kalter Angst erfüllt. Sophia musste schlucken. Wenn er wirklich davon weiß, dann bin ich verloren!, dachte sie panisch. Nervös griff sie nach ihrem Glas und sog am rot-weiß gestreiften Strohhalm, welcher noch immer aus ihrer Rhabarber-Schorle ragte. Wenn Freddy auf das anspielte, woran sie dachte, dann wäre tatsächlich ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Sie blickte sich vorsichtig um und ließ ihren Blick dann zu Freddy wandern.

„Sophia, du brauchst dich nicht dafür zu schämen“, hörte sie Freddy sagen. Sophia zuckte zusammen. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken herunter und ließ sie bis aufs Knochenmark erzittern.

„Ich weiß genau, wie du dich fühlen musst“, hörte sie ihn wieder. Sie hörte, wie der Junge vor ihr sprach -, aber sie sah es nicht. Der Mund von Freddy bewegte sich nicht einen Millimeter, wenn er sprach. Sie kommunizierten telepathisch miteinander und konnten so den anderen hören, ohne die Lippen rühren zu müssen.

„Woher? Woher weißt du davon?!“, schrie Sophia förmlich in ihren Gedanken. Sie fixierte ihren Blick auf Freddy, um eine Reaktion erkennen zu können.

Nichts geschah und Sophia tobte innerlich vor Wut, was Freddy sogleich zu bemerken schien. So langsam machte sich Sophia Sorgen, was Freddy noch alles erfahren könnte, wenn er schon in ihrem Kopf umhergeisterte.

„Du hast deine Fähigkeiten schon viel zu lange verdrängt, als dass du sie auf Anhieb wieder nutzen könntest“, hörte sie Freddy in ihrem Kopf. „Ich kann dir helfen, dein Potenzial auszuschöpfen! Ich kann dir helfen, deine Gabe für den richtigen Zweck einzusetzen!“

Sophia sackte zurück auf ihren Stuhl. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie aufgestanden war. Dann fasste sie sich ruckartig ans Herz, als dort ein schier unerträglicher Schmerz ausbrach - ein Schmerz, den sie seit dem Tag nicht mehr gespürt hatte, an dem sie sich auf ewig geschworen hatte, nie wieder auch nur an den Gebrauch ihrer Kräfte zu denken. Eine Erinnerung flammte in ihrem Kopf auf, und auch Freddy schien dies zu bemerken. Interessiert beugte er sich in Richtung Sophia und schien zu lauschen, als Sophia langsam in einer Art Tagtraum verschwand und sich das Café in eine Waldlichtung verwandelte. Zwei Mädchen, eins davon Sophia selbst, liefen auf der sonnenbeschienenen Lichtung umher. (Felix, 16 Jahre)

Das andere Mädchen schien etwas zu suchen. Ihr Blick huschte hin und her und blieb dann an einem alten Baumstumpf hängen. Jetzt zündete sie ihn an. Allerdings nicht mit Streichhölzern oder Feuerzeug. Das Mädchen hatte den Baumstumpf angestarrt, als wollte sie ihn hypnotisieren, und plötzlich war er in Flammen aufgegangen. Sophia erschrak ziemlich, als sie das sah. Dann bemerkte sie das Mädchen, das neben dem Baumstumpf stand. „Liliana“, rief sie, „du hast mich zu Tode erschreckt!“

„Du solltest dich eigentlich daran gewöhnen, dass ich alles Mögliche mit meinem Blick anzünden kann, genauso wie du Wesen aller Art und Größe und sogar Fabelwesen erschaffen kannst“, gab Liliana zurück. „Kannst du mir jetzt eine kleine, süße, zutrauliche Maus zaubern?“, fügte sie schnell hinzu.

„Na gut“, antwortete Sophia. Sie kniff ihre Augen zu und dachte an eine kleine, süße Maus. Als sie die Augen wieder aufschlug, bekam sie einen riesigen Schreck. Das Wesen dort vor ihr war keine kleine, süße Maus. Es war eine Riesenmaus mit Drachenflügeln! Sophia hatte nämlich zur Hälfte an das Buch gedacht, das sie vorher gelesen hatte und wo ein böser, riesiger Drache vorkam, und zur anderen Hälfte an eine Maus. Sie hätte aber eigentlich nur an die Maus denken sollen.

Die Riesenmaus riss inzwischen Bäume aus und ließ diese krachend auf die Lichtung fallen. „Liliana, wo bist du?“, schrie Sophia. „Hier!“, ertönte es nicht weit entfernt. Sophia bahnte sich einen Weg zu Liliana. Plötzlich brüllte sie: „Vorsicht!“ Die Riesenmaus hatte wieder einen Baumstamm in den Pfoten. Sophia konnte sich gerade noch zur Seite werfen. Dann krachte der Baum auf den Boden. Sophia versuchte, die Riesenmaus wieder wegzuzaubern. Beim zweiten Mal gelang es ihr. Mit einem leisen Plopp war die Maus verschwunden.

Auf einmal bemerkte Sophia eine rote Pfütze neben sich. Sie starrte auf den Baumstamm, der neben ihr lag. „Liliana?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Liliana?“ Aber Liliana antwortete nicht. Sie atmete nicht mehr. Ein eiskalter Schmerz breitete sich in Sophia aus und ihr wurde schwarz vor Augen. (Maya, 10 Jahre)

Als Sophia die Augen wieder öffnete, war die Waldlichtung verschwunden. Sie atmete schwer. Diese Erinnerung hatte sie seit Jahren verdrängt. Ihr gegenüber saß immer noch Freddy und starrte sie abwartend an. Auf einmal wurde Sophia wütend. Freddy schien das zu bemerken, denn er redete in Gedanken wieder auf sie ein: „Ich habe es auch gesehen, du musst nicht wütend auf dich sein. Du kannst kaum etwas dafür.“ Sophia war fassungslos, richtete dann ihren Blick auf Freddy und fixierte ihn mit ihren Augen. „Du hast unrecht, ich kann sehr wohl etwas dafür, aber das geht dich gar nichts an! Und bis du aufgetaucht bist und mir diesen Brief geschrieben hast, war auch alles gut. Ich habe normal gelebt, und das werde ich jetzt auch weiter tun. Also halt dich aus meinem Kopf raus!“

Wutentbrannt stand Sophia auf und wollte schon rausstürmen, doch da drehte sie sich noch einmal um und legte Freddy den Brief hin, den hatte sie nämlich noch ganz schnell eingesteckt, bevor sie zum Café losgegangen war. Freddy schaute Sophia an und sagte: „Behalt ihn lieber, falls du es dir doch noch anders überlegst und dir mein Angebot noch mal anhören möchtest. Außerdem kannst du dir nichts vormachen, du wirst nie normal leben.“ Mit diesen Worten steckte er den Brief zurück in Sophias Tasche. Eine Weile blieb sie noch da stehen. Warum, wusste sie nicht, doch dann drehte sie sich um und verließ das Café.

Auf dem Heimweg kreisten ihre Gedanken um vieles, hauptsächlich um Fragen, die nach einer Antwort verlangten, und sie wusste auch schon genau, wo sie diese bekommen könnte, nämlich bei ihrer Tante Nanie. Sie war auch so ein „Wesen“, wie Sophia es war und Liliana auch. Nur dass sie sich hauptsächlich mit Kräutern befasste, doch sie hatte auch auf so ziemlich alles andere eine Antwort. Ein paar Straßen weiter stand sie vor der Tür des Mehrfamilienhauses, wo Tante Nanie ihre Wohnung hatte. Kurz nachdem Sophia klingelte, ertönte auch schon das surrende Geräusch des Türsummers, der ihr verkündete, dass sie eintreten konnte.

In der Eingangstür zur Wohnung stand ihre Tante, so wie Sophia sie schon seit ihrer Geburt kannte. Ihre Tante war etwas rundlicher, trug immer bunte Klamotten, auffällige lange Ketten und einen wilden Haarschnitt. Und sie umarmte Sophia erst mal kräftig. „Oh, Süße! Schön, dass du da bist. Mit dir habe ich ja gar nicht gerechnet, was verschafft mir die Ehre?“ Sophia wollte gerade antworten, da redete ihre Tante auch schon weiter: „Ich habe gar nicht aufgeräumt, ich hoffe, das stört dich nicht.“

„Nein, alles gut“, sagte Sophia hastig. Tante Nanie hatte sie inzwischen mit in die Wohnung gezogen und wuselte jetzt hin und her, während sie einfach weiter unaufhörlich plapperte. Das liebte Sophia so an ihrer Tante, sie war so lieb und verplant. „Willst du Tee, Süße? Ich habe gerade, bevor du kamst, einen aufgesetzt, mit Minze und …“ Ihre Stimme wurde leiser, weil sie in der Küche verschwand.

„Klingt gut, Tante Nanie“, sagte Sophia und setzte sich auf das rote Sofa im Wohnzimmer. Sie holte tief Luft. Wie immer roch es nach Kräutern und Duftkerzen. Mal sehen, ob Tante Nanie ihr helfen könnte zu verstehen, warum das jetzt alles passierte. (Jette, 14 Jahre)  

Tante Nanie plapperte in der Küche unaufhörlich vor sich hin und berichtete von ihrem Tag, aber Sophia vernahm dies gar nicht mehr. Absichtslos fixierte sie den dunklen Bildschirm des Fernsehers und ihr war, als würde sie durch seinen schwarzen Schlund in ein tiefes Loch gleiten. Sophia schaute nicht oft Fernsehen, und auch früher hatte sie dies nie sonderlich gemocht. Aber Liliana und sie hatten als Kinder eine Lieblingsserie gehabt, die sie ausnahmslos immer gerne geschaut hatten. Wenn die Folge ihrer Serie – Sophia wusste nicht einmal mehr ihren Namen, was sie mit einem Mal traurig stimmte –, zu Ende war, waren sie immer nach draußen gerannt und hatten dies dort nachgespielt. Eine Welle der Sehnsucht und Niedergeschlagenheit erfasste Sophia und sie ertappte sich bei dem Gedanken an Lilianas Aussehen; ihre braunen Locken, die hellblauen, strahlenden Augen, die immer zu lachen schienen. Wie hatte sie sie bloß vergessen können? Wie hatte sie bloß ihre tote beste Freundin so sehr aus ihren Gedanken verbannen können?

Freddy hatte den Gedanken an sie zurückgebracht. Sein Brief, sein Erscheinen hatte Liliana in Sophias Erinnerungen wiederbelebt. Er war schuld, dass sie nun hier saß und ihren Fehler, den sie damals begangen hatte, mehr denn je bereute. Verzweifelte, zornige, salzige Tränen liefen ihre Wangen herab. Sophia schluchzte nicht, sie gab keine erstickten, traurigen Laute von sich, wimmerte nicht und holte auch nicht rasselnd Luft. Zusammengekauert auf dem Sofa ihre Tante ließ Sophia stumm ihren Tränen freien Lauf.

„… und ich sagte ihr, sie solle sich nicht so anstellen, schließlich …“, Tante Nanie verstummte mitten im Satz, als sie ihre Nichte weinend und niedergeschlagen auf dem Sofa erblickte. Sanft stellte sie eine dampfende Tasse Tee auf dem Wohnzimmertisch vor ihr ab und setzte sich neben sie.

„Sophia, meine Kleine“, begann sie ganz zärtlich zu reden und strich dem weinenden Mädchen ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren. „Du weinst wegen Liliana, nicht wahr? Weil der nette Junge, den ich zu dir sandte, dich auf sie angesprochen hat und nun deine Erinnerungen dich überfluten, nicht?“

„DU hast Freddy zu mir geschickt? Du hast ihm gesagt, er solle einen Brief an mich adressieren und mich im Café treffen? Warum hast du das getan?“ Sophias Stimme klang bestürzter und ärgerlicher, als eigentlich von ihr vorgesehen. Sie schlug einen freundlicheren Ton an und versuchte es noch einmal: „Tante Nanie, was wolltest du bezwecken, indem du Freddy aufgetragen hast, mich an Liliana zu erinnern?“ (Lisa, 15 Jahre) 

„Du hast eine sehr mächtige Gabe“, begann Tante Nanie vorsichtig. Sie wusste, warum sie diesen Jungen geschickt hatte, und sie erkannte darin keinen Fehler. Doch sie verstand auch das Gefühl von Verrat, das in Sophias Stimme mitschwang. Oft schon war Sophia weinend zu ihr gekommen, weil sie ihre Gabe nicht mehr wollte. Doch immer hatte Tante Nanie sie davon abbringen können, einen ihrer Tränke zu trinken. Damit die Macht, die noch in Sophia schlummerte, nicht verschwand. „Wenn du trainieren würdest, könntest du viel mehr erschaffen als nur Tierwesen“, fuhr Tante Nanie fort. Sie hatte einen Arm um ihre Nichte gelegt und streichelte jetzt ganz sanft ihren Rücken. Auch wenn Sophia das Schluchzen vorher noch zurückhalten konnte, kamen jetzt leise, belegte Laute aus ihrer Kehle. „Och, Süße ...“, flüsterte Tante Nanie mitfühlend und beruhigend.

Auf einmal realisierte Sophia, was die Worte ihrer Tante bedeuteten, und ihr Weinen hörte schlagartig auf. „Wie meinst du das, ich könnte noch mehr als nur Tierwesen erschaffen?“, fragte Sophia zaghaft. „Na ja …“ Tante Nanie betrachtete ihre Nichte misstrauisch. „Du könntest zum Beispiel Gegenstände oder …“ Sophia fiel ihr ungeduldig ins Wort: „Menschen, Tante Nanie, könnte ich Menschen erschaffen?“  Tante Nanie hatte so etwas befürchtet, doch sie wollte Sophia auch nicht anlügen. „Ja, theoretisch könntest du auch mit viel Training Menschen erschaffen.“ Sophias Augen leuchteten vor Aufregung und ihr gesamter Körper stand unter Spannung. So aufgeregt war sie noch nie gewesen! Tante Nanie bemerkte das Aufleuchten in den Augen ihrer Nichte und wusste, was sie dachte. Sie hoffte, Liliana wiederbeleben zu können. „Süße ich will dich nicht enttäuschen, aber so, wie du es dir vorstellst, geht das nicht. Du kannst keine Toten wiederbeleben. Dass würde nicht gut enden“, redete Sophias Tante auf sie ein. Doch Sophia wusste, was sie wollte. Sie wollte Liliana! Sie stimmte ihrer Tante zu und sagte ihr außerdem noch, sie würde sich mit Freddy treffen und mit ihm trainieren. Sophia hoffte inständig, dass ihre Tante keinen Verdacht schöpfte. Denn so, wie sie sie verstanden hatte, könnte sie Tote wieder zurückholen. Und das war alles, was zählte!

 

Sophia verließ die Wohnung ihrer Tante Nanie und war sehr überrascht und auch etwas erschrocken, als sie sah, dass Freddy bereits unten an der Haustür wartete. „Na, Sophia? Hast du es dir anders überlegt?“, fragte er herausfordernd. Sophia lächelte schief. „Ja, sieht ganz so aus. Also, wo trainieren wir?“ Freddy gab sich nicht die Mühe, ihr zu antworten, sondern ging einfach los. Sophia folgte ihm, ohne Fragen zu stellen. Sie gingen einen Weg entlang, der an vielen Schrebergärten vorbeiführte und sich irgendwann im Wald verlor. Sophia wusste, wo der Weg hinführte. Sie war ihn früher oft gegangen. Mit Liliana. Keine Angst, Liliana, dachte Sophia. Bald können wir diesen Weg wieder zusammen gehen. Sie kamen an der Lichtung an, wo das Unglück einst passiert war, und wie erwartet blieb Freddy hier stehen. „So, dann lass uns anfangen“, sagte er.

Sie trainierten lange. Wochen, wenn nicht sogar Monate vergingen. Sophia lernte viel von Freddy, auch was seine Gabe war. Er konnte Dinge bewegen, wenn er sie anguckte. Sophia war sehr beeindruckt, was Freddy schon alles konnte, und lernte selbst auch sehr schnell. Eines Tages war es dann so weit. Sie spürte es in allen Knochen, dass sie bereit dafür war, Liliana wieder zurückzuholen. Sie ging alleine zu der Lichtung. Sie hatte Freddy nichts von ihrem Plan erzählt, denn auch wenn sie sich angefreundet hatten, war das hier allein ihre Sache.

 

Sophia stand da, in der Mitte der Lichtung, und konzentrierte sich ganz auf ihr Vorhaben. Die Klänge der Umgebung wurden leiser und sie sah Liliana jetzt ganz deutlich vor sich. Dann begann Sophia, sie wusste noch nicht einmal wirklich, was genau sie machte, doch es schien richtig zu sein, denn auf einmal stand Liliana wieder vor ihr. Ihre braunen Haare bewegten sich leicht im Wind, der über die Lichtung wehte. Ihre blauen Augen schauten direkt in die von Sophia. Doch etwas war anders. Das Lächeln, das sonst ihren Mund umgab und sich in ihren Augen spiegelte, war verschwunden. (Jette)

Sophia ging zögerlich auf ihre verloren geglaubte Freundin zu. „Liliana?“, fragte sie mit zitternder Stimme, doch Liliana antwortete nicht. Sie blickte nur mit einem starren Blick in Sophias Richtung. Sophias Knie zitterten fürchterlich, und es war ihr mittlerweile kaum möglich, sich auf den Beinen zu halten. „Liliana?“, versuchte Sophia erneut, eine Antwort ihrer Freundin zu provozieren. Wieder regte sich Liliana kein Stück. Sophia schrie nun, sodass es jeder auf der Lichtung gehört hätte: „Liliana! Warum antwortest du nicht?“

 

Sophias Augen füllten sich mit Tränen, und bald schon rann eine erste Träne aus ihrem Augenwinkel an der kleinen Stupsnase vorbei, die Liliana immer gedrückt hatte, wenn sie Sophia ärgern wollte, über ihre geröteten Wangen, die Liliana im Winter immer mit ihren Handschuhen wärmen wollte, bis hin du ihrem Kinn. Dort sammelte sich die Tränen zu einem kleinen Tropfen und fiel zu Boden. Einen Wimpernschlag später schlug die Träne auf dem Boden auf und zersprang in unzählbare kleine Spritzer.

 

Genau in diesem Moment regte sich Liliana das erste Mal. Sie streckte ihren rechten Arm wie in Zeitlupe nach Sophia aus und zeigte mit dem Zeigefinger auf sie. Sophia sank zu Boden und kniete nun wenige Meter von ihrer Freundin entfernt. Sie war starr vor Schock und wusste sich nicht zu helfen. Liliana drehte nun ihren Arm, sodass ihre Handfläche nach oben zeigte. Auf der Lichtung herrschte noch immer Stille und nur das Rauschen des Windes, der die Haare beider Mädchen zur Seite wehen ließ, war zu hören. Langsam krümmte Liliana ihren Zeigefinger. Dann streckte sie ihn wieder in einer ebenso geringen Geschwindigkeit aus und krümmte ihn erneut. Dies tat sie immer wieder.

 

In einer quälend langsam erscheinenden Bewegung erhob sich Sophia von ihren Knien. Ihre Beine wackelten noch immer unkontrolliert und sie wagte es nicht, ein Wort zu sprechen. Schweren Schrittes ging sie auf Liliana zu. Diese krümmte weiterhin immer wieder ihren Zeigefinger und lockte Sophia so zu sich heran. Sophia war nun nah genug herangekommen, sodass sie Liliana in ihre Arme schließen konnte. Doch das Glück, welches Sophia erfuhr, war trügerisch. Statt ihre Freundin fest zu umarmen und wieder für immer bei sich zu haben, fiel Sophia vornüber und durch Liliana hindurch. Sophia dachte, ihr Herz bliebe stehen, als sich die Gestalt ihrer Freundin als bloßer Schemen entpuppte. Liliana hatte keinen richtigen Körper, sondern war, wie ein Geisterwesen, nur ein Schatten in Sophias Welt.

 

Vollkommen unbeirrt durch Sophia kniete sich Liliana auf den Boden und malte mit ihrem rechten Zeigefinger einen perfekten Kreis um sich herum. Dann begann sie, sich auf der Lichtung zu bewegen. Sophia saß, unfähig sich zu bewegen, auf dem Boden und sah ihrer Freundin hinterher. Liliana begann, einige Steine aufzuheben, die sie wie Sterntaler in ihrem Rock sammelte. Sie kehrte zurück zu ihrem Kreis und stellte sich wieder in die Mitte. Sophia stand nun auch langsam auf und beobachtete ihre Freundin. Liliana legte die Steine, fünf an der Zahl, in gleichen Abständen um sich herum.

 

Als sie fertig war, wies sie wieder auf Sophia und deutete danach auf einen Stein, der genau zu Sophia zeigte. Wieder kniete sich Liliana auf den Boden und zeichnete mit ihrem Zeigefinger eine Linie von diesem Stein zum Kreis, in dem sie sich befand. „Mächtig!“, sprach Liliana nun zum ersten Mal. Sophia konnte es kaum fassen und wollte sofort zu ihrer Freundin laufen, doch diese sprach im gleichen Moment: „Bleib!“ Liliana zeigte wieder auf Sophia und danach auf den Stein. „Mächtig – aber nicht mächtig genug!“, sagte sie nun mit ihrer engelsgleichen Stimme. Nun zeichnete sie auch Linien von den anderen Steinen zu ihrem Kreis. Sie deutete auf jeden einzelnen Stein und sagte: „Mächtiger – und mächtig genug! Finde die zwei weiteren! Zwei kennst du bereits!“

Gerade als Liliana zu Ende gesprochen hatte, wollte Sophia auch schon die erste Frage stellen: „Wie soll ich sie finden, Liliana? Wie?“ Ihre Freundin jedoch antwortete nicht. Sie lächelte sie nur an und schien, wie damals, auf eben dieser Lichtung zu lachen.

„Sophia, wo bist du?“, hörte Sophia nun Freddy rufen. Sie drehte sich um und sah ihn auf der anderen Seite der Lichtung. Er kam schnellen Schrittes auf sie zu. Sophia wandte sich wieder zu ihrer Freundin, welche immer noch lächelte und Sophia nun zunickte. Dann verschwand sie mit einem Mal, und der Wind wirbelte ein wenig Staub auf, wo vorher Liliana gestanden hatte.

„Sophia, was machst du hier?!“, fragte Freddy entsetzt.

„Komm mit, Freddy! Wir suchen jetzt, bis wir Liliana wiederholen können“, antwortete sie, ohne dabei seine Frage zu berücksichtigen. (Felix)